Ev.-Luth. Kirchgemeinde Rückmarsdorf-Dölzig
Ev.-Luth. Kirchgemeinde Rückmarsdorf-Dölzig

.... Solche Botschaften zu entdecken, das ist – sie werden es von mir als Pfarrer nicht anders erwarten – Sinn der Bibel. Sie listet uns über Tausende von Jahren auf, was alles schief gehen kann mit uns. Und wie man wieder auf einen Weg findet. Denn es gehört zu den Grundgefährdungen des Menschen, die Spur zu verlieren. Wir stehen immer in der Gefahr, nur noch mit uns selbst zu reden. Und nicht mit GOTT. Dann hören wir nur noch uns selbst. Folgen uns selbst. Und neigen zum Irgendwie-weiter-so. Gelingt es uns, das, was wir jetzt erleben, als eine Erinnerung zu betrachten? Ja, erinnern wir uns: Es ist möglich, dass wir uns verlaufen haben. Es gehört zur Natur des Menschen, dass er sich gerne neben der Spur einrichtet. Seinen eigenen Spuren folgt. Das ist gefährlich. Denn man läuft im Kreis. Oder kommt in unwegsames Gelände. Oder einfach in die Irre. Und dann wird man irre. Aber eine Korrektur ist nicht unmöglich. Unter bestimmten Bedingungen.

 

Natürlich finden wir in der Bibel nicht sofort eine Situation, die mit der unseren eins zu eins vergleichbar wäre. Außerdem liegen tausende von Jahren dazwischen. Aber Herausforderung durch ein bedrohliches Zeichen und eine kollektive Antwort, die finden wir doch. Und können im Besinnen eines Textes Hinweise für uns entdecken. Im Alten Testament, im Buch Jona wird uns Erstaunliches über die Großstadt Ninive berichtet.

„Da sprach der Herr ein zweites Mal mit Jona: »Mach dich auf den Weg und geh in die große Stadt Ninive und überbring ihr die Botschaft, die ich dir sage.« Diesmal gehorchte Jona der Anweisung des Herrn und ging nach Ninive. Sie war eine so große Stadt vor Gott, dass man drei Tage brauchte, um sie zu durchqueren. Jona ging eine Tagesreise weit in die Stadt hinein und predigte: »Ninive wird in 40 Tagen zerstört werden!« Da glaubten die Einwohner Ninives an GOTT, und alle, vom Höchsten bis zum Geringsten, beschlossen zu fasten und sich in Säcke zu kleiden. Als der König von Ninive die Botschaft hörte, verließ er seinen Thron und legte seine königlichen Gewänder ab. Er kleidete sich in einen Sack und setzte sich in die Asche. Dann ließen der König und die führenden Männer folgenden Erlass in Ninive bekannt geben: »Weder Mensch noch Vieh, Rind und Schaf dürfen irgendetwas essen. Sie dürfen weder weiden noch Wasser trinken. Mensch und Tier sollen sich in Säcke kleiden und sich ganz dem Gebet zu GOTT widmen. Sie sollen von ihren bösen Wegen umkehren und von ihren Gräueltaten ablassen. Wer weiß? Vielleicht kehrt GOTT um und bereut und bezähmt seinen grimmigen Zorn, sodass wir nicht zugrunde gehen.« Als GOTT sah, dass sie von ihren schlechten Wegen umgekehrt waren, bedauerte er, dass er ihnen Unheil angedroht hatte und verschonte sie.“

 

Ninive: Beispiel für eine Gesellschaft, die abgewirtschaftet hat. Das Urteil Gottes steht fest: untergangsreif. Aber – und das ist erstaunlich – es gibt eine Ansage des Untergangs von außen. Befürchtet GOTT, dass die Gesellschaft von Ninive nicht mehr in der Lage ist, sich zu korrigieren? Offenbar. Lernunfähig. Beratungsresistent. Sich selbst genug. Alle Rechnungen ohne den Wirt. Ein furchtbares Urteil. Jona geht eine Tagesreise weit in die Stadt hinein und verkündet den einzigen Satz, den wir von ihm als Propheten hören: »Ninive wird in 40 Tagen zerstört werden!« Und gleich im folgenden Satz hören wir: „Da glaubten die Einwohner Ninives an Gott, und alle, vom Höchsten bis zum Geringsten, beschlossen zu fasten und sich in Säcke zu kleiden.“

 

Wir fragen sofort: Woher kommt diese Wende? Jona sagt den Untergang an und alle sehen ein, dass sie sich ändern müssen. Das ist nur möglich, wenn ein Prozess der Unzufriedenheit bereits seit langem gärt. Wenn sich Probleme bis zur Ausweglosigkeit angehäuft haben. Wenn zum Verdruss vieler zu lange von alternativlosen Entscheidungen geredet wurde. Wenn das Gezerre um moderne Götter und Gottheiten einem ständig steigenden Widerwillen begegnen. Die Ansage des Jona ist also der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Wenn GOTT eine Entscheidung fordert, dann tut er das niemals so nebenher. Sondern immer am Kreuzweg. Allein die Tatsache, dass der Prophet Jona mit GOTTES eindeutiger Botschaft auftritt, ist den Bewohnern von Ninive ein ausreichendes Anzeichen der Ernsthaftigkeit.

 

Die Bürger von Ninive sind hochgradig vernetzt, denn „sie beschlossen“ – wie es im Text heißt – „sie beschlossen“ zu fasten und sich in Säcke zu kleiden. Dabei ist bemerkenswert, dass dieser Beschluss ein Beschluss „vom Höchsten bis zum Geringsten ist.“ Das heißt, alle haben bemerkt, dass es so nicht weitergehen kann. Das Establishment ebenso wie die Verlierer der Gesellschaft. Oder lassen Sie es mich marxistisch sagen: Die herrschende Klasse und die unterdrückte Klasse sind sich einig. Nach Marx ein Unding. Hier kein unlösbarer Wiederspruch mehr. Sie können und wollen und müssen miteinander reden. Sie beschimpfen und bekämpfen sich nicht gegenseitig. Sie wissen alle, dass sie Teil des Problems sind. Sie wissen alle nicht, wie es weitergehen soll. Aber sie spüren alle, dass es so nicht weitergehen kann.

 

Gewiss, in Ninive gab es keine Epidemie. Aber die Androhung des Untergangs können wir gleichsetzen. Wenn wir heute der Situation in Ninive nachspüren, dann sind wir grundsätzlich auf dem richtigen Weg.

 

Der Text redet weiter und verblüfft uns. Nachdem die Rede davon war, dass alle spüren, dass es so nicht weitergehen kann, wird uns Erstaunliches berichtet: „Als der König von Ninive die Botschaft hörte, verließ er seinen Thron und legte seine königlichen Gewänder ab. Er kleidete sich in einen Sack und setzte sich in die Asche.“ Der König folgt dem Volk! Das heißt, der König hat entsprechend seiner gesellschaftlichen Stellung eine außergewöhnliche Bußleistung zu vollbringen. Die nicht darin besteht, mit dem gleichen Pathos morgen das Gegenteil von gestern zu sagen. Nein, er muss sich eingestehen: Ich habe versagt.

 

Hatte es den König von Ninive beeindruckt, dass quer durch alle Sozialmilieus der Unmut und nun die Bußbereitschaft vorhanden ist? Hatte er selbst seit langem die Ausweglosigkeit seines Herrschaftsstils gespürt? Der Bibeltext sagt davon nichts. Dennoch kommen wir aus dem Staunen über seine Art der „Innere Führung“ nicht heraus, denn die ihn umgebende Elite folgt ihm: „Dann ließen der König und die führenden Männer folgenden Erlass in Ninive bekannt geben: »Weder Mensch noch Vieh, Rind und Schaf dürfen irgendetwas essen. Sie dürfen weder weiden noch Wasser trinken. 8 Mensch und Tier sollen sich in Säcke kleiden und sich ganz dem Gebet zu Gott widmen. Sie sollen von ihren bösen Wegen umkehren und von ihren Gräueltaten ablassen.“

 

Der König und die Führungselite fassen exakt das ins Gesetz, was das Volk bereits tut! Das hielten selbst Gesellschaftsutopisten für unmöglich. Aber so geschieht es. Wenn die Macht keine Rolle mehr spielt, wenn der König in der Asche sitzt und vom Volk nicht befürchten muss, gestürzt zu werden, weil das Volk auch in der Asche sitzt, dann, dann erst kann eine schonungslose Gesellschaftsanalyse vorgenommen werden. Vorher stehen alle Gutachten und Umfragen in der Gefahr des Missbrauchs durch Mächtige. Nun aber finden in Ninive alle Informationen der Technikfolgeforschung, der Postwachstumsforschung der vergleichenden Religionswissenschaft und der Geheimdienste Verwendung.

 

Das Fazit ist erschreckend: Die Alltagsnormalität – das was Tat für Tag geschieht, der alltägliche Wahnsinn in Ninive - wird als „Böse Wege“ und als „Gräueltaten“ definiert.  Die Praxis des Sich-in-die-Tasche-Lügens hat endgültig ausgedient. Angst wird nicht länger in Ersatzhandlungen, sondern in entsprechendes Handeln umgesetzt. „Lasst uns Tanzen und fröhlich sein, denn morgen sind wir tot“ hat ausgedient. Schwarmintelligenz wird als das enttarnt, was es ist: Tanz auf dem Vulkan. Allein Gottes Perspektive zählt.

 

Damit sind wir immer noch nicht am Ende dieses wichtigen dritten Kapitels des Jonabuches: Denn eine tiefe, Jahrtausende alte Urwahrheit menschlicher Erfahrung mit GOTT ist auch aus Ninive erhalten geblieben: „Wer weiß? Vielleicht kehrt Gott um und bereut und bezähmt seinen grimmigen Zorn, sodass wir nicht zugrunde gehen.“

 

Der Befehl des Königs spricht doch tatsächlich von der Hoffnung auf Gottes Inkonsequenz. Der Reue der Gesellschaft darf die Hoffnung auf die Reue Gottes innewohnen. Nein, GOTT hat keine Freude an der Vernichtung. Sondern an der Umkehr.

 

Ist eine Pandemie eine prophetische Ansage? Nein. Sie ist zuerst Leid und Elend. Aber: 

 

Ja, wir können heute auch ein Zeichen sehen.  Das würde uns als Menschen auszeichnen. Dass wir uns eben nicht danach sehnen, zum Normalen zurückkehren. Zu dem, was uns normal zu sein schien. Sondern miteinander vom Obersten bis zum Untersten, quer durch alle Parteien Buße tun – wortwörtlich: Den Sinn wenden. Das ist Buße.

 

Liebe Bürgerinnen und Bürger, ich möchte Ihnen Gesundheit, Bewahrung und jeden Tag neuen Kraft zu wünschen. Verlieren Sie die Zuversicht nicht. Und nicht die Freude an Dingen und Situationen, die vor kurzem noch unsichtbar waren oder von geringem Wert schienen. Bleiben Sie behütet.

 

Ihr

Pfarrer Michael Zemmrich 

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